Gedenkstätte oder Spekulationsobjekt?

Streit um Boulez-Villa in Baden-Baden

1959 ließ Pierre Boulez sich aus Protest gegen die französische Algerien-Politik und aus Verärgerung über die Kulturpolitik des zuständigen Ministers André Malraux in Baden-Baden nieder. Jetzt, ein Jahr nach seinem Tod, steht die Villa zum Verkauf. Damit kündigt sich wieder einmal eine Nagelprobe für die Gedächtnis-Kultur an.

Von Frieder Reinighaus, Deutschlandfunk, 09-01-2017

Der französische Komponist Pierre Boulez (Foto) lehrte in den 50er-Jahren "Neue Musik" in Darmstadt. (AFP / Photo Mehdi Fedouach)

Der französische Komponist Pierre Boulez (Foto) lehrte in den 50er-Jahren “Neue Musik” in Darmstadt. (AFP / Photo Mehdi Fedouach)

Die Kapuzinerstraße, nicht weit vom Alten Baden-Badener Bahnhof und vom heutigen Festspielhaus entfernt auf halber Bergeshöhe gelegen, ist eine Sackgasse. Wer weiter hinauf will, muss zu Fuß gehen. Unter hohen alten Bäumen liegt die Villa aus dem späten 19. Jahrhundert, in der Pierre Boulez 1959 Quartier nahm, als er seine Zusammenarbeit mit dem Orchester des Südwestfunks intensivierte. Boulez erwarb das Anwesen nach und nach ganz: 550 qm Wohnfläche auf mehren Etagen, zwanzig Zimmer, erlesen möbliert; dazu 4.000 qm parkartiges Gelände am Nordhang. Hier entstand ein erheblicher Teil des kompositorischen Œuvres.

Musik: Boulez, “Notation”

Eine steile Zufahrt führt zur Haustür. An der treffen wir zufällig auf den Neffen Boulez, der in knappen Worten den Standpunkt der Erbengemeinschaft zusammenfasst, aber eine sendefähige oder druckbare Stellungnahme ablehnt. Ein paar charmante Anmerkungen kann er sich nicht verkneifen: Dass sich das Gebäude als Konzertsaal nicht eigne, könne ich ja sehen – und man würdige seinen Onkel am besten, indem man seine Musik in den Konzertsälen spielt. Da hat er fraglos recht.

Derweilen wird ausgeräumt – der Hausrat kommt in PKWs mit französischen Kennzeichen. Die Erben sehen sich veranlasst, das Anwesen mit der exzellenten Aussicht zu verkaufen. Bis zum Sommer soll das über die Bühne gehen. Sie wünschen keine mediale Aufmerksamkeit. Doch gerade die wird es wohl benötigen, wenn das Schmuckstück nicht an einen Investor unbekannter Provenienz abgegeben und einer ungewissen Zukunft ausgeliefert, sondern als Stätte des kulturellen Erbes genutzt werden soll.

Musik: Boulez, “Notation”

Die Umnutzung des Villa in der Kapuzinerstraße aus dem Geist von Pierre Boulez hat sich ein Initiativkreis zum Ziel gesetzt. Deren Sprecherin ist die Fotografin Simone Demandt, die mit Boulez befreundet war und ihn sowie sein Domizil mit vielen Bildern dokumentierte:

“Die Villa gehört einer Erbengemeinschaft; die will es verkaufen, um die in Frankreich gegenüber Deutschland erheblich höheren Erbschaftssteuern für die gesamte Erbmasse begleichen zu können; daher wurde ventiliert, ob das Haus statt Steuerzahlungen an den französischen Staats gegeben werden könnte – doch der winkte ab; er ist finanziell klamm.”

Am Initiativkreis, der sich für eine künftige kulturelle Nutzung des Gebäudes engagiert, sind dem Vernehmen nach außer einigen persönlichen Freunden von Boulez auch Musiker des SWR-Orchester beteiligt; die Stiftung der Berliner Philharmoniker habe Interesse bekundet.

Ziel ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Villa künftig als “Künstlerhaus” genutzt wird: als Residuum für jüngere Komponisten, die schon etwas vorzuweisen haben, denen der Rücken fürs ‚Durchstarten’ und die Optimierung der Arbeit freigehalten werden soll. Wobei es ihnen freigestellt bleiben soll, ob sie in guter Gesellschaft produktive Kommunikation pflegen oder sich in stiller Ruh zurückziehen wollen.

Die schöne mäzenatische Idee hat freilich noch zwei kleine Haken. Zum einen muss der oder müssen diejenigen, die künftig die Villa nutzen, sie zuvor erwerben – als Kaufpreis wurden 2,8 Millionen Euro genannt. Und dann sind da noch die Folgekosten.
Selbstverständlich wurden zuerst die Öffentlichen Hände ins Spiel gebracht.

Das Land Baden-Württemberg soll eine gewisse Bereitschaft signalisiert haben, sich an den laufenden Kosten einer “Akademie Boulez” zu beteiligen, nicht aber am Erwerb. Zunächst am Zuge wäre freilich die Stadt.

Selbst wenn die Kommune eine Gedenkstätte für ihren Ehrenbürger mitfinanzieren wollte, hätte sie wohl das Problem, hierfür Mittel bereitzustellen – und dies bis zum Sommer. Bis dahin will die Erbengemeinschaft die Veräußerung über die Bühne gebracht haben. Zuvor allerdings müsste schon ein schlüssiges und tragfähiges Nutzungskonzept entwickelt werden.

Gegen die (ausschließliche) Verwendung der Räume für mehr oder weniger zurückgezogene Schreibarbeit spricht, dass auch in Baden-Württemberg auf Schloss Solitude bei Stuttgart eine solche Einrichtung bereits existiert. Und: dass die Förderung der ins Auge gefassten Personengruppe ohnedies bereits sehr engmaschig ausfällt, zugleich das Ankurbeln der Produktion von KomponistInnen mit weißen Krägelchen ja auch wieder Folgekosten zeitigt. Da es für die Produkte keinen tragfähigen Markt gibt, müssen die Aufführungen allemal subventioniert werden.

Um zumindest auch als Pilgerstätte und Museum zu funktionieren (und gewisse Einnahmen zu erzielen), müsste die Immobilie aber erheblich und kostenaufwendig umgestaltet werden (und verlöre die Aura). Sie würde dann womöglich arbeiten wir z.B. das Schönberg-Center in Wien, in dem zugleich wissenschaftliche Forschungs- und Editions-Aufgaben, Konzerte und Ausstellungen organisiert werden.

Das sind nur bedingt erbauliche Aussichten: dass ständig neue Themen, kleingliedrige Tagungen und Mini-Ausstellungen kreiert werden müssen, um den Meister “im Gespräch zu halten” – Boulez als Briefschreiber, Boulez als Fotograf, Boulez als Gärtner, als Familienvater, als Steuerzahler etc. Da wäre noch das Ergiebigste, an Boulez als Sympathisanten und Propagandisten der Kulturrevolution zu erinnern, der 1967 “eine ganze Menge Rotgardisten importieren” wollte, um einen restaurativen Kulturbetrieb aufzumischen.

Musik: Boulez, “Notation”

Derweil ist ungewiss, wie es mit dem musikalischen Vermächtnis weitergeht: Es erweist sich im laufenden Konzertbetrieb als höchst sperrig. Selbst die dem Namen nach bekanntesten Arbeiten sind alles andere als marktgängig. Wollte man da eine “Nachfolge” ankurbeln, müssten wohl eher aufgelassene Fabrikhallen in Nachbarschaft von sozialen Brennpunkten akquiriert werden, in denen eine gärende Produktivität sich austoben kann.

Dass die Boulez-Erbepflege ausgerechnet durch eine drängende Immobilienverkaufs-Frage in Bewegung gebracht wird, erscheint alles andere als glücklich. Aber als Ironie der Geschichte, die das Œuvre des Fabrikantensohns aus Montbrison ereilt. Gerade aber diese feine Grundierung könnte andere Menschen dieses Schlags jetzt aus der Reserve locken. Genug von ihnen gibt es ja – und gerade auch in Baden. Sollen sie doch ein bisschen zusammenlegen…

Musik: Boulez, “Notation”